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Mahlzeit! Zeitstress und seine Folgen

Früher haben sich die Mahlzeiten am Rhythmus der Natur und Landwirtschaft orientiert. Davon haben wir uns im digitalen Zeitalter weit entfernt.


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Irmingard Dexheimer

Diplom-Ökotrophologin (Ernährungs­wissenschaftlerin)
23. November 2015
Bild: (c) denisnata / clipdealer.com

Die Mahlzeit im 19. und 20. Jahrhundert

Jahrhundertelang bestimmten Natur und Landwirtschaft den Tages- und Mahlzeitenrhythmus der Menschen. Mit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert änderte sich das. Maschinen und Fließbänder schrieben jetzt den Tagesablauf vor. Als Folge davon bildete sich das dreigliedrige Mahlzeitensystem heraus. Obwohl es nicht starr befolgt wurde, hat es sich bis heute als Ideal in unser kulturelles Gedächtnis eingraviert, so Gunther Hirschfelder, Professor an der Universität Regensburg.

Im 20. Jahrhundert sorgte die massenhafte Verbreitung von Armbanduhren dafür, dass der Tagesablauf zeitlich einer noch strikteren Taktung unterlag. Gleichzeitig etablierte sich in den arbeitsfreien Zeitfenstern ein festes Muster an gemeinsamen Mahlzeiten.

Am Ende des 20. Jahrhunderts begann dieses auseinander zu brechen. Dafür verantwortlich sind z. B. die Digitalisierung und Globalisierung in der Arbeitswelt, steigende Mobilität, aber auch zunehmendes Pendeln zwischen mehreren Orten.

 

Snacking und "Time Management Confusion"

Mit Auflösung des überlieferten Mahlzeitengefüges entwickelten sich neue Konsumformen, wie Snacking oder Essen & Trinken to go. All dies bleibt nicht ohne Folgen: Auf der einen Seite verlieren die Mahlzeiten ihre Funktion als Strukturgeber für den Tag, auf der anderen Seite haben wir kein Rezept gegen Zeitnot. Diese Diskrepanz bezeichnet der Kulturanthropologe Hirschfelder als "Time Management Confusion".

Jede Generation tickt dabei anders: Für ältere Menschen haben feste Essenszeiten eine stabilisierende Wirkung. Das Auslassen von Mahlzeiten erleben sie daher als Defizit, Snacking stresst sie. Für nach 1985 Geborene ist dies unproblematisch.

 

Zeitstress führt zu höherem Qualitätsbewusstsein

Feste Konsummuster und Strukturen stressen dagegen die junge Generation bei zunehmendem Zeitmangel. Dies legt die aktuelle Studie "Consumers´ Choice 15" nahe. Dass der Zeitstress steigt, empfinden bereits 49 Prozent so.

Zudem lässt sich beobachten, dass dem Außer-Haus-Verzehr eine immer größere Bedeutung zukommt. Insgesamt 3,08 Milliarden Mahlzeiten werden heutzutage pro Jahr in Deutschland weniger zu Hause verspeist als noch vor zehn Jahren. Vor allem gilt dies für Frühstück und Mittagessen. Dagegen legt das häusliche Abendessen um zwei Millionen Mahlzeiten zu.

Positiv: Mit zunehmendem Zeitstress legen die Verbraucher laut der Studie immer mehr Wert auf Qualität und wählen Lebensmittel bewusster aus.

Bedenkenswert: Gemeinsame Mahlzeiten haben auch eine soziale Funktion. Sie dienen der Kommunikation und dem Zusammenhalt, beugen Vereinsamung vor und können zur Konfliktlösung beitragen. Es lohnt daher, sich zum Essen zu verabreden und sich dafür Zeit zu nehmen – ob im Betriebsrestaurant, in der öffentlichen Gastronomie oder im heimischen Umfeld.




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